Gaggenau

Verbindungen
schaffen.

Architekt Michael Maltzan aus LA hat eine Vision: zweckmäßige und ästhetisch sowie emotional ansprechende Verbindungen zwischen Menschen und Gebäuden zu schaffen, da sich dies positiv auf das moderne Stadtleben auswirkt.

Die beste Vorstellung von Michael Maltzans Arbeit gewinnt man bei einer Fahrt durch Downtown Los Angeles. Er hat es verstanden, die Industriegebiete der Stadt hier und da im Sinne seiner Vision mit asketischen weißen Gebäuden in ungewöhnlichen Formen zu versehen. Maltzans Projekte kontrastieren angenehm mit dem Gewirr an Schnellstraßen, Gütergleisen, Lagerhallen und Schlechtwegstrecken entlang des Betonkanals namens LA River. Sie sind Manifeste seiner Idee einer Zweckmoderne, die das Interesse an sozialer Eingliederung in ihren Mittelpunkt stellt und die Architektur als Zugpferd für einen umfassenden Wandel versteht.

„Mir liegt daran herauszufinden, wie Architektur dazu beitragen kann, dass Menschen eine Stadt als besonders fortschrittlich oder positiv erleben“, so der 55-Jährige von der East Coast. „Mein Ziel ist es, die Grenzen dessen, was Architektur zu leisten vermag, zu erweitern, bei Entwicklungsfragen unserer Städte und Gemeinden mitreden zu dürfen und weiterhin Bilder, Vorstellungen, Visionen und schließlich auch bauliche Artefakte zu schaffen, an denen das Entwicklungspotenzial einer neuen Welt ablesbar wird.“

Hinter Maltzan steht ein 20 Meter langes Modell seines jüngsten Projekts, der Erneuerung des historischen Sixth-Street-Viadukts in Los Angeles. In diesem Herbst wird das baufällige Bauwerk aus Beton abgerissen und weicht Maltzans freundlicherer, auf Leichtbauweise abzielende Vorstellung eines Verbindungswegs in einer raumgreifenden Megacity. Bis 2019 werden sich weiße Beton-, Stahl und Glasbögen in Wellenform über den Kanal des LA River schwingen und Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern auf verschiedenen Ebenen Platz bieten. Auch Grünanlagen sind vorgesehen.

Es galt, den nicht ganz einfachen Beweis zu erbringen, dass Infrastruktur vielgestaltige Aufgaben übernehmen kann. „Ein Bauwerk dieser Größenordnung muss der Stadt größere Dienste erweisen als einfach nur Fahrzeuge von einer Seite des Flusses auf die andere zu bringen. Und zwar in dem Sinne, dass es ein stärkeres Gefühl innerstädtischer Verbindung schafft, neue Ansichten über Mobilität anregt und als Bindeglied zwischen den verschiedenen Teilen und Bevölkerungsgruppen der Stadt wirkt.“

Das Schaffen neuer, unerwarteter Verbindungen fasziniert den in Long Island geborenen und aufgewachsenen Maltzan, seit er Los Angeles in der Mitte der 1980er erstmals zu Gesicht bekam. Die Megacity mit zehn Millionen Menschen, die er jetzt seine Heimat nennt, ist für ihn „authentischer als jeder andere Ort“, den er bislang besucht hat. „In dieser Stadt“, so Maltzan, „gibt es so viele verschiedene Kulturen, so viele verschiedene Orte, an denen man sich austauscht, so viele verschiedene wirtschaftliche und politische Realitäten und so viele verschiedene soziale Gruppen. Alle zusammen bilden eine Stadt, die sich ständig weiterentwickelt, erneuert – und die herausfordert.“

An seiner unverkennbaren Antwort auf diese vielfältigen Impulse und Herausforderungen hat Maltzan bis zur Perfektion gefeilt. Wie er gesteht, ist sein allererster Auftrag nach wie vor sein einflussreichster. 1992 waren in Los Angeles gewalttätige Unruhen ausgebrochen, nachdem der Afroamerikaner Rodney King von der Polizei verprügelt worden war. Brandstiftungen und Plünderungen in Serie ließen Maltzan in Aktion treten. „Überall in der Stadt hatte die Gewalt um sich gegriffen, wie ich es mir schlimmer nicht hätte vorstellen können“, sagt Maltzan.

Michael Maltzan und seine Vorstellung vom neuen Sixth-Street-Viadukt.

Dies nahm er spontan zum Anlass, einen Campus für die gemeinnützige Kunstschule Inner-City Arts in Skid Row zu entwerfen – einer für ihre heruntergekommenen Bewohner und extreme Anzahl an Obdachlosen berüchtigten Gegend in Los Angeles. In dem Bestreben, Wunden zu heilen und einen Wandel einzuleiten, entwarf Maltzan ein weißes Gebäudeensemble, das er in den folgenden 15 Jahren fertigstellte. Für ihn ist der Campus mittlerweile weitaus mehr als eine Kunstschule für Unterpreviligierte.

„Inner-City Arts ist für mich ein Kristallisationspunkt, eine Art Mikrokosmos der idealen Stadt“, erklärt er. „Die Schule reicht für mich so nah an die Vorstellung von Utopia heran, wie ich es mir selbst besser nicht hätte vorstellen können. Es ist ein Campus für Erzieher, Verwaltungskräfte, für die Gemeinde, die Familien und Studenten, die dort arbeiten und leben. Aber mehr als alles andere ist es eine eigenständige Wohngegend.“

Wohl durchdacht ist sein Ansatz unter anderem in Bezug auf die Frage, wie Menschen ein Gebäude wahrnehmen und wie sie sich durch dieses hindurchbewegen. Deshalb verbringt Maltzan ziemlich viel Zeit mit der Choreographie der in seinen Gebäuden stattfindenden Bewegungen, ob es nun Privathäuser oder große Infrastrukturprojekte sind.

Die Pittman Dowell Residence hat sieben Seiten, aber keine Innentüren.

Hierfür ist die am Rande des Angeles National Forest gelegene Pittman Dowell Residence ein gutes Beispiel. Es ist ein Haus mit sieben Seiten, doch der Kunde wollte keine Türen. Maltzan ersann eine spiralförmige, kinoreife räumliche Anordnung. „Es gibt eine Tür vorn und es gibt eine Hintertür. Aber drinnen bewegt man sich übergangslos zur nächsten Lage.“

Für Maltzan hat Los Angeles, was die endlose Ausdehnung, Zersiedelung und Ressourcennutzung betrifft, seine Grenzen erreicht. Diese Transformation birgt wichtige Erkenntnisse für den Rest der Welt. „LA verkörpert eine Menge Herausforderungen und Fragestellungen, mit denen alle Städte unserer Zeit zu tun haben. Es sind Grundsatzfragen zu Politik, Wirtschaft, Sozialgefüge, städtischer Enge, dem baulichen Gesamtbild, Verkehr und geografischen Gegebenheiten“, sagt Maltzan. Die Architektur, so glaubt er, kann diese Diskussion herbeiführen und flankieren, indem sie, Gebäude für Gebäude, kleine Leuchtfeuer setzt. „Dieser erste Funke kann auf eine Stadt sehr starken Einfluss haben – und auf andere Städte rund um den Globus.“

Text: Steffan Heuer

Fotos: Iwan Baan

www.mmaltzan.com

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