Gaggenau

Hoch über
Mailand wachsen Bäume.

Die „Bosco Verticale“ in Mailand ist ein Musterbeispiel für nachhaltiges Bauen in Wohngebieten, ein Projekt zur Wiederbewaldung der Stadt, das zur Regeneration der Umwelt und zur städtischen Biovielfalt beiträgt und dabei ohne eine Erweiterung des Stadtgebiets auskommt.

Die Hochhäuser, die den „vertikalen Wald“ (Bosco Verticale) in Mailand bilden, bieten Platz für fast 800 Bäume und tausende Stauden.

Nicht nur der Baum des Lebens, der seine Äste aus Holz und Stahl über den Italienischen Pavillon der Expo 2015 ausstreckt, reckt sich seit einigen Monaten in Mailand, sondern auch eine „Riesenpflanze“ namens Bosco Verticale. Hinter dem Bau dieses „vertikalen Waldes“ stehen die Unternehmen Hines Italia und Coima. Es handelt sich um einen Teil des großen Sanierungsprojekts eines Wohnviertels im Stadtteil Garibaldi-Repubblica, einem Paradebeispiel für die Mailänder Neorenaissance.

Neben dem neuen Park Porta Nuova und dem Giardino De Castillia verkörpert der Bosco Verticale die revolutionäre Idee eines Hochhauses, das erstmals seinen Bewohnern ermöglicht, in direktem Kontakt mit der Natur zu wohnen. Es ist auch das erste Beispiel in der Welt der Architektur, das vollständig von den Werten Nachhaltigkeit und Biovielfalt getragen ist.

Die beiden Türme des Bosco Verticale, den Stefano Boeri, Gianandrea Barreca und Giovanni La Varra entworfen haben, sind 112 und 80 Meter hoch. An den Türmen wachsen – auf insgesamt 8.900 Quadratmeter Terrassenfläche – über 480 große und mittelhohe Bäume, 300 kleine Bäume, zwischen 11.000 und 5.000 Stauden und bodenbedeckende Sträucher. Alle Pflanzenarten wurden von den Agronomen Laura Gatti und Emanuela Borio sorgfältig ausgewählt. Es sind Grünpflanzen, aber auch Laubbäume darunter, so dass sich im Wechsel der Jahreszeiten das „Farbkleid“ der Türme ändert. An den vier Fassaden der beiden Hochhäuser sind Buchen, Gold-Akazien, Eichen, Ahorne, Eschen, Farne und Efeu arrangiert, gepflanzt in große Kübel mit automatischer Bewässerungsanlage. Die Gesamtbepflanzung entspricht einer Waldfläche von 20.000 Quadratmetern, die sich hier gänzlich in die Höhe erstreckt.

Handelsvertreterin Simona Pizzi lebt seit September 2014 mit ihrem Ehemann und ihrem zwölfjährigen Sohn im vierzehnten Stock des höheren Turms. „Um unsere Wohnung herum ist es immer hell“, sagt sie. „Als säße man auf einer Wolke, und zwar mit Aussicht auf den Dom und den Torre Velasca, im Hintergrund sogar die Berge von Resegone. Aber den größten Mehrwert liefern uns die grünen Terrassen, die uns in den letzten Monaten den gesamten Lauf der Jahreszeiten direkt miterleben ließen. Es ist wie in einem Zauberwald: Die Blüten des wilden Apfelbaums wurden im Herbst zu roten Früchten, im Sommer haben Hortensien geblüht, im Winter dann die Kamelienblüte, und die roten Beeren des Erdbeerbaums sind der Lichtblick der nebligen Mailänder Herbsttage. Die Pflege der Dachgärten ist Sache der Eigentümergemeinschaft. Regelmäßig steigen Gärtner vom Kran aus auf die Balkone. Ohne die Bewohner zu stören, überprüfen sie die Bewässerungsanlage und schneiden Äste ab, die ein Risiko darstellen könnten. An der balkonlosen Seite des Hauses blicken wir auf den immer größer werdenden Baum der Nachbarn unterhalb. Gerade nistet dort ein Falke, der seine Eier ausbrütet.“

Es ist also kein Zufall, dass der Bosco Verticale 2014 den renommierten Internationalen Hochhauspreis bekam, dessen Träger das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt und die DekaBank sind. Diese Auszeichnung wird den schönsten und innovationsstärksten der über 100 Meter hohen Gebäude auf fünf Kontinenten verliehen. Im Rahmen des jüngsten Wettbewerbs bewertete das DAM mehr als 800 Hochhäuser, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind. Die Jury beschloss, die Auszeichnung an den Bosco Verticale aufgrund seiner Symbiose aus Natur und Architektur zu vergeben. Dieses Projekt ist das Vorzeigemodell für die Integration von Natur und Wohnbedürfnissen in einem städtischen Umfeld mit hoher Bevölkerungsdichte.

Die begrünten Terrassen der Bosco Verticale entsprechen 20.000 Quadratmetern Wald.

In den letzten Jahren werden in italienischen Städten viele vertikale „grüne“ Projekte entwickelt. In Turin beispielsweise zeigt die OrtiAlti-Initiative (ortialti.com), dass ein Hochgarten auch die Instandsetzung von Gebäuden fördert. Das Projekt wurde 2010 auf Initiative von Studio999 mit der Bildung einer Dachgarten-Eigentümergemeinschaft im Stadtteil San Salvario ins Leben gerufen. Dies ist ein exportierbares Modell. Was es auszeichnet, sind unter anderem eine Verringerung der CO2-Emissionen, eine Verringerung der zu Kühlzwecken aufgewandten Energie um 75 Prozent und fast ein Pfund Obst pro Quadratmeter bewirtschaftete Dachfläche.

Der Bosco Verticale ist im Prinzip erst die erste von sechs Ökostrukturen, die das Boeri Studio für ein neues „Bio-Mailand“ ersonnen hat. Das Ziel: Die Stadt natürlicher zu machen, vorhandene Verschmutzung rückgängig zu machen und neu entstehende zu verringern. So tragen tausende veredelte Pflanzen auf den Gebäuden zur Produktion von Sauerstoff bei, nehmen CO2 auf und verringern die Belastung durch Staub, Lärm, Smog und Hitze. Der „grüne Vorhang“ schafft ein Mikroklima rund um die Appartements und senkt die Temperatur während der Sommermonate um 2,5 Grad Celsius. Kürzlich erhielt der Bosco Verticale das renommierte LEED-Zertifikat (Leadership in Energy and Environmental Design) in Gold – was der höchste Zertifizierungsgrad in Sachen Energie und Qualität ist.

Nach dem Sonnenuntergang flackern langsam wie von Zauberhand tausende Lichter durch das Grün der neuen grünen Mailänder Hochhäuser. Dabei fühlt man sich erinnert an das Leuchten der Glühwürmchen, denen die Kinder einmal an Sommerabenden in den Wiesen am Rande der Stadt nachjagten.

Text: Fiammetta Bonazzi

Fotos: Paolo Rosselli

www.stefanoboeri.net

Stefano Boeri entwarf den Bosco Verticale zusammen mit Gianandrea Barreca und Giovanni La Varra.

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