Gaggenau

Der Weg
ist das Ziel.

Gut versteckt am nördlichen Stadtrand von London kreieren die Designer
Tim Simpson und Sarah van Gameren in ihrem Studio Glithero
beeindruckende Möbel, Produkte und Installationen.

Glithero produziert beispielsweise mit Hilfe einer Falzmaschine für Briefumschläge wunderschön gearbeitete Papierflugzeuge; und Tücher mit eingewebter Orgelmusik, wofür Lochkarten und ein Webstuhl genutzt werden. Alle Artikel der Les French Furniture-Serie – Couchtische, Regale – werden zunächst aus Bambus und Wachs gefertigt und erhalten schließlich einen Bronzeguss. Ihre Blueware Collection basiert auf traditionellen Blaupausentechniken, um Porzellan mit weißem Muster auf blauem Grund herzustellen, das der klassischen Wedgwood Jasperware nachempfunden ist. Wie Tim Simpson erklärt, werden hierfür verschiedene Pflanzen gepresst, getrocknet und vorsichtig auf weiße Vasen und Kacheln aufgebracht, die mit lichtempfindlichen Chemikalien behandelt werden. Diese Chemikalien färben sich unter ultraviolettem Licht blau. Entfernt man anschließend die Pflanzenblätter, bleiben deren weiße Abdrücke zurück. Glithero bewahrt Hunderte von Pflanzen in großen Glasgefäßen auf. Sie erfanden außerdem eine Maschine, die wie eine Dunkelkammer funktioniert und „die Vasen wie einen Döner-Spieß dreht“.

Dieses Projekt scheint geradezu einfach verglichen mit der Poured Bar, die das Studio im Ballsaal des Londoner Corinthia Hotels installierte. Hierfür gossen Simpson, van Gameren und eine kleine Armada an Arbeiten mehrere Schichten schnelltrocknenden Beton in verschiedenen Blauschattierungen in sechs Meter lange Gussformen. Sobald eine Schicht ausgehärtet war, wurde sie umgedreht und auf einen Holzrahmen aufgezogen. Die so entstandene, glänzend blaue Collage diente als vorübergehende Pop-Up-Bar für die Bafta Award Party 2011 und die Events während der London Fashion Week.

Ebenso beeindruckend ist die von Fred Astaires Tanz an der Zimmerdecke inspirierte Installation Burn Burn Burn. In diesem Werk kriecht eine Flamme aus brennbarer Farbe über die Wand, tanzt auf dem Boden, Stühle hinauf und Tischbeine hinab, und hinterlässt eine Spur der Verkohlung. „Die Idee war, einen bewegenden Moment für ein größeres Ereignis wie eine Hochzeit oder Beerdigung zu erschaffen“, erklärt Sarah van Gameren. Der Gedanke zu diesem Konzept kam ihr in ihrer Küche. Sie entwickelte die Farbe dann mit Hilfe eines Chemikers. Die Farbe hat, wie sie sagt, „eine Konsistenz wie Siebdruckfarbe und lässt sich beliebig einfärben“.

Wie die meisten Projekte des Studios wurde die Entstehung von Poured Bar und Burn Burn Burn sorgfältig choreografierter und gefilmt. Die üblichen Grenzen scheinen für Glitheros Arbeit nicht zu existieren. Auf den ersten Blick scheint Vieles davon wie Kunst, nur um der Kunst willen; aber jedes Projekt, ob klein oder groß, hat eine ernsthafte Botschaft. Die Entstehungsgeschichte wird jedes Mal vom ersten Moment an festgehalten – wenn das Design aus dem Nichts entsteht. Um es mit Glitheros Worten zu sagen: „Der Weg ist das Ziel und der Lohn.“

Bei Burn Burn Burn kriecht eine Flamme über die Wand, tanzt über den Boden, Stühle hinauf und Tischbeine hinab, und lässt dabei die Objekte zu einer Einheit verschmelzen. Sarah van Gameren entwickelte die brennbare Farbe in ihrer Küche.

„Für uns ist der Prozess genauso wichtig wie das fertige Produkt“, sagt Tim Simpson. Er wurde 1982 in Swindon im Südwesten Englands geboren. Sarah van Gameren (Jahrgang 1981) stammt aus Utrecht in den Niederlanden. Sie lernten sich 2005 während des Produktdesignstudiums am Royal College of Art kennen. Als Student entwickelte Tim Simpson beispielsweise ein münzbetriebenes Teleskop mit dem Ziel, das Stadtbild neu zu erfinden. Sarah van Gameren arbeitete währenddessen an ihrer Abschlussarbeit, The Big Dipper. Dabei handelte es sich um eine Maschine, die Kronleuchterkerzen herstellt, indem ein Docht in ein Fass geschmolzenen Wachs getaucht wird. Gleichermaßen Performance wie Produkt durchspielte The Big Dipper den Lebenszyklus von Sarah van Gamerens Kronleuchtern, von der Produktidee bis zum Schmelzen und Verglühen des Produkts.

„Wir merkten, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben“, erinnert sich Tim Simpson. „Wir wollten beide die Fragen der Massenproduktion, des Konsums und der unbeabsichtigten Ästhetik ergründen.“ Dieses gemeinsame Interesse war der Beginn ihrer persönlichen und kreativen Beziehung. 2008 gründeten sie ihr Studio. (Glithero ist der Mädchenname von Tim Simpsons Mutter.) Sie schrieben sogar ein Manifest. „Miracle Machines and the Lost Industries“ hinterfragt die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Ziel des Buches ist es, Design zu stimulieren und kritisieren und ihm Bedeutung zu verleihen. „Je mehr wir über die Fertigungsmethoden wissen, umso weniger sind wir den Industriekonzernen ausgeliefert, denen es nur um den Profit geht“, heißt es in dem Buch. „Haben wir ein Objekt verstanden und rational erfasst, wird es für uns greifbarer und bereichert uns. Und wenn wir eine enge emotionale Bindung dazu aufbauen, werden wir es mehr wertschätzen.“

Tim Simpson und Sarah van Gameren, die sich am Royal College of Art kennenlernten, gründeten 2008 ihr Studio Glithero – und wurden auch privat ein Paar.

Diese poetische Herangehensweise an Design wird, so hofft Glithero, eine Verbindung zwischen Mensch, Maschine und Designer schmieden. „Wir möchten die Welt verantwortungsbewusster machen“, wünscht sich Tim Simpson. „Wenn Sie die Arbeit kennen – woher etwas kommt, wie es entsteht, welche Idee sich dahinter verbirgt – wird dies Vieles verändern.“

Text: Josephine Grever

www.glithero.com

Für die Blueware Collection werden verschiedene Pflanzen auf weiße Vasen und Kacheln aufgebracht, die mit lichtempfindlichen Chemikalien behandelt werden, welche sich unter ultraviolettem Licht blau färben.

Weitere Inhalte: Design & Kultur

  • Der Weg ist das Ziel.

    Mehr
  • Eine Bühne für die neue nordische Küche.

    Mehr
  • Poesie für die Wände.

    Mehr
  • Feurige Leidenschaft.

    Mehr
  • Kunst – von Hand gemacht.

    Mehr
  • Neue Kunst
    für den Boden.

    Mehr
  • Licht ist
    Lebensqualität.

    Mehr
  • Ein Designer
    mit Aura.

    Mehr
  • Die mit
    dem Licht spielen.

    Mehr
  • Wenn Design
    zur Magie wird.

    Mehr
  • Anything
    glows.

    Mehr
  • Adel
    verpflichtet.

    Mehr
  • Rigoros
    puristisch.

    Mehr
zurück 1 13 vor